Warum Befreiung nicht automatisch befreit: Zwei philosophische Perspektiven auf das Prinzip der „Exteriorität“ im Kontext dekolonialer Befreiungsethik
Viele Befreiungsbewegungen verfolgen ein klares Ziel: Ungerechtigkeit überwinden und Freiheit schaffen. Doch ein genauerer Blick zeigt ein paradoxes Problem. Auch Befreiungsbewegungen können neue Formen von Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse erzeugen. In dem neuen Artikel von Ulrike Sallandt werden die Denker Emmanuel Levinas und Enrique Dussel gemeinsam betrachtet, um dieses Problem im Kontext der Dekolonisierung besser zu verstehen. Beide sind der Meinung, die Ethik sei keine freiwillige Entscheidung; sie sei etwas genuin Menschliches und damit Unausweichliches in der Verantwortung gegenüber dem Anderen. Sallandt verwendet dafür den Begriff der „Exteriorität“, der meint, dass es immer eine Perspektive außerhalb unseres eigenen Denkens gibt. Gerade im Kontext globaler Ungleichheiten ist diese Einsicht besonders wichtig. Der prozesshafte Charakter von Befreiungstheologie macht eine wiederholte kritische Selbstreflexion notwendig, um zu verhindern, dass Befreiung selbst neue Formen von Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen hervorbringt.