Warum Befreiung nicht automatisch befreit: Zwei philosophische Perspektiven auf das Prinzip der „Exteriorität“ im Kontext dekolonialer Befreiungsethik

2026-03-04
Viele Befreiungsbewegungen verfolgen ein klares Ziel: Ungerechtigkeit überwinden und Freiheit schaffen. Doch ein genauerer Blick zeigt ein paradoxes Problem. Auch Befreiungsbewegungen können neue Formen von Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse erzeugen. Als Beispiel dazu dient der westliche Feminismus, welcher entscheidend zur rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen beigetragen hat. Doch zugleich muss kritisiert werden, dass er häufig von den Erfahrungen weißer, westlicher, meist privilegierter Frauen ausgeht. Die Lebensrealitäten von Frauen des globalen Südens, von Frauen mit Armutserfahrungen oder von Frauen mit anderen kulturellen Hintergründen wurden dabei teilweise übersehen oder nicht ausreichend berücksichtigt. Eine Bewegung, die Befreiung anstrebt, kann so unbeabsichtigt neue Abhängigkeitsverhältnisse produzieren. In dem neuen Artikel von Ulrike Sallandt werden die Denker Emmanuel Levinas und Enrique Dussel gemeinsam betrachtet, um dieses Problem im Kontext der Dekolonisierung besser zu verstehen. Sallandt verwendet dafür den Begriff der „Exteriorität“, der meint, dass es immer eine Perspektive außerhalb unseres eigenen Denkens gibt. Diese Perspektive gehört dem Anderen: dem Menschen, dessen Erfahrungen sich von unseren unterscheiden. Enrique Dussel beschreibe deshalb, dass echtes ethisches Denken immer von dieser „Exteriorität“ ausgehen muss, also von denjenigen, die am Rand stehen und deren Stimmen oft nicht gehört werden. Während für Levinas die Exteriorität eher im Hintergrund bleibe, sind beide der Meinung, die Ethik sei keine freiwillige Entscheidung; sie sei etwas genuin Menschliches und damit Unausweichliches in der Verantwortung gegenüber dem Anderen. Wir werden nicht erst verantwortlich, wenn wir bewusst handeln. Vielmehr entsteht Verantwortung bereits durch die Existenz des Anderen. Gerade im Kontext globaler Ungleichheiten ist diese Einsicht besonders wichtig. Der prozesshafte Charakter von Befreiungstheologie macht eine wiederholte kritische Selbstreflexion notwendig, um zu verhindern, dass Befreiung selbst neue Formen von Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen hervorbringt. Lesen Sie mehr in dem auf theologie.geschichte veröffentlichen Artikel: https://doi.org/10.48603/tg-2026-art-1