Eine verlorene Verbindung

Das Christentum hat eine lange Tradition der Distanzierung vom Judentum. Gerade in seinen Anfängen der Identitätsfindung grenzte sich das noch junge Christentum aktiv vom Judentum ab. Diese Abgrenzung allerdings mündete in der Geschichte nicht selten in offenen Antijudaismus. Wolfgang Treitlers Werk Jesus, Josefs Sohn. Der Messias als Tor des Bundes nimmt diese Problematik mit beispielloser Schärfe in den Blick. Der Autor untersucht, wie sich das Christentum von seinen jüdischen Wurzeln entfernte und dabei eine Theologie entwickelte, die nicht nur das Judentum exkludierte, sondern es im Laufe der Jahrhunderte aktiv entwertete.

Treitler zeigt, wie früh sich im Christentum eine „pagane“ Denkform durchsetzte, die Jesus nicht mehr, als den vom Judentum erhofften, Messias, sondern als vollkommen göttliches Wesen, betrachtete. Die Beschlüsse des Konzils von Nizäa zementierten diesen Bruch und ebneten den Weg für eine lange Tradition christlicher Judenfeindschaft.

Für Petzel ist das Werk weit mehr als eine historische Analyse: Es ist eine schonungslose und in höchstem Maße systematische Selbstbefragung des Christentums. Treitler zeige, dass die christliche Dogmatik nicht nur theologisch problematisch sei, sondern über Jahrhunderte hinweg reale Gewalt legitimierte – eine Entwicklung, die letztlich auch die ideologischen Voraussetzungen für die Schoa mitprägte. Doch das Buch bleibt nicht bei der Kritik stehen: Treitler skizziert eine alternative Christologie, die Jesus als jüdischen Messias ernst nimmt und so den Bruch zwischen Christentum und Judentum zumindest gedanklich zu heilen versucht. Er schlägt eine messianische Christologie vor, die Jesus als Juden anerkennt und die Wurzeln des Christentums im Judentum wertschätzt. Dinge, die seit Nostra Aetate selbstverständlich sein sollten.

Treitlers Werk ist damit nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit kirchlicher Dogmatik, sondern auch eine Mahnung, die jüdischen Wurzeln des Christentums anzuerkennen. In einer Zeit, in der sich alte Feindbilder wieder regen, ist dieses Buch ein dringend benötigter Weckruf.

Lesen Sie mehr in der Rezension von Paul Petzel, der das Buch von Wolfgang Treitler für theologie.geschichte rezensiert hat:

https://theologie-geschichte.de/ojs2/index.php/tg/article/view/1357/1721