Jüdische Menschen im Widerstand: Neue Perspektiven jenseits des Passivitätsnarrativs
Der Sammelband „Jüdischer Widerstand in Europa. Grundlagen, Formen, Netzwerke“, herausgegeben von Frank-Lothar Kroll und Stephan Lehnstaedt, korrigiert eine Vorstellung, die lange Zeit die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust dominierte. So wurden Jüdinnen und Juden lange vor allem auf eine Rolle als passive Opfer reduziert. Der Band rückt dabei die Vielfalt jüdischen Handelns unter den Bedingungen von Verfolgung und Vernichtung in den Mittelpunkt. Wie Rezensentin Andrea Kirchner hervorhebt, versammelt der Band Beiträge einer Konferenz, die unterschiedliche Formen, Räume und Netzwerke jüdischen Widerstands beleuchten. Besonders eindrücklich zeige der Band, wie unterschiedlich die Kontexte jüdischen Widerstands in Europa waren. Die Beiträge machen dabei deutlich, dass Handlungsspielräume stets von lokalen Bedingungen, sozialen Beziehungen und Machtverhältnissen geprägt waren und dabei zugleich auf die Realität doppelter Verfolgungsgeschichten aufmerksam machen. Gleichzeitig rücken transnationale Netzwerke in den Blick. Ein zentrales Anliegen des Bandes sei es, die Sichtbarkeit von jüdischen Menschen im Widerstand zu stärken. Zugleich werde deutlich, dass die Handlungsspielräume dabei äußerst begrenzt waren und sich Widerstand häufig im existenziellen Ringen ums Überleben manifestierte. Kirchner würdigt den Band als wichtigen Beitrag zur Erforschung jüdischen Widerstands, der zugleich auf bestehende Forschungslücken hinweist und zu einer differenzierteren Auseinandersetzung anregt.