Erinnern zwischen Geschichtswissenschaft und Politik: Debatten zur Zukunft des NS-Gedenkens
Zur Frage nach dem öffentlichen Erinnern an den Nationalsozialismus und Shoah in einer sich wandelnden Gesellschaft werden im von Christina Morina herausgegebene Band „Die Zukunft des NS-Gedenkens. Geschichte als gesellschaftliche Selbstverständigung“ zwei Gespräche im Rahmen der dritten „Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte“ vom 27. Januar 2023 dokumentiert. Das erste Gespräch zwischen Ulrike Jureit und Bill Niven nehme laut Rezensent Karsten Uhl mit einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive den deutschen Umgang mit dem Nationalsozialismus seit 1945 in die Debatte mit auf. Thematisiert werden unter anderem auch die nach wie vor bestehenden Leerstellen im öffentlichen Gedenken, die Biografiezentrierung vieler Gedenkstättenausstellungen sowie das Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. Das zweite Gespräch widme sich der politischen und gesellschaftlichen Dimensionen in der Debatte um Erinnerungskultur. Zwar bezögen die Gesprächspartner Natan Sznaider und Ahmad Mansour deutlich Stellung, argumentierten dabei jedoch teilweise gegen selbst konstruierte Zerrbilder vermeintlicher Gegenpositionen und blieben nicht immer bei den zu Beginn formulierten Selbstpositionierungen. Der Rezensent betont, dass der Band die Stärken und Schwächen protokollierter Gespräche deutlich sichtbar mache. Zugleich müsse der Begriff der Erinnerungskultur stärker ausdifferenziert werden, da seine Popularisierung Gedenkveranstaltungen und historische Orte oft unnötig emotional auflädt, statt sie als Orte historischer Bildung zu verstehen. (Paula Geraldy)