Männlichkeit und Volksgemeinschaft. Der westfälische Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow

Martin Dröge, Männlichkeit und Volksgemeinschaft. Der westfälische Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow (1899-1945). Biographie eines NS-Täters, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2015. 444 S., 56,00 €, ISBN 978-3-506-78289-2


Karl Friedrich Kolbow gehörte nicht zu jener Kerngruppe von NS-Tätern, die an der der Ermordung von Juden oder anderen Gruppen im Rahmen der Massenerschießungen im Osten beteiligt waren oder die Todeslager in Majdanek, Birkenau, Belzec und anderswo betrieben. Kolbow war ein typischer Schreibtischtäter. Unter seiner Federführung  fielen mehrere tausend Menschen aus Westfalen der T4 Aktion, also dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm zum Opfer.  Dass er zum Gegenstand einer sorgfältig recherchierten Biographie werden konnte, verdankt er hauptsächlich der Tatsache, dass er für einen großen Teil seines Lebens ein akribisches Tagebuch führte, das detaillierten Aufschluss über sein Handeln, seine Motive, und seine Gedankenwelt vermittelt. Dieses Tagebuch hat Martin Dröge bereits im Jahr 2009 in einer sorgfältigen Edition publiziert.[1] Die vorliegende Biographie entstand aus der Dissertation des Verfassers, die 2014 an der Universität Paderborn abgeschlossen wurde.

Kolbow war ein Nazi der ersten Stunde – Mitglied der NSDAP seit 1921 – aber einer, der tief im konservativ-nationalen, gebildeten Bürgertum verankert war. Als solcher führte er, untypisch für die meisten Nazis, nicht nur ein weitläufiges Tagebuch, sondern schwankte auch zwischen fanatischer Ergebenheit und dissidierender Kritik am Nationalsozialismus, vor allem  gegen Ende des Krieges, als die destruktive Dynamik, die vom NS-Regime ausging, die deutsche Heimat erreichte.  

Kolbow wurde 1899 als erstes von fünf Kindern einer wohlsituierten Familie im Mecklenburgischen Schwerin geboren. Der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter entstammte dem weitverzweigten Pommerschen Adelsgeschlecht der Puttkamers. Der bildungsbürgerlich-aristokratische Hintergrund prägte die Lebenswelt des jungen Kolbow vor und im Ersten Weltkrieg: humanistisches Gymnasium, die Lektüre kolonialpädagogischer und nationalromantischer Literatur, Reitunterricht, Jagd gehörten dazu, aber auch die Begeisterung für die Wandervogelbewegung, deren rebellische Elemente gerade in Kolbows Fall, zumal nach Ausbruch des Krieges 1914, schnell in der vormilitärischen Ausbildung der Jugendwehren aufgefangen wurden. Im Militär selbst allerdings fühlte sich Kolbow offensichtlich weniger zuhause als im militaristischen Gehabe. Eingezogen im Juni 1917 und eingesetzt im Kaukasus, blieb er im Kreise seiner Kameraden aus der Arbeiterklasse ein Außenseiter. Martialische Männlichkeitsideale adoptierte der angehende Bergbauingenieur unmittelbar nach dem Krieg erst aus der Empörung über die deutsche Niederlage und die damit verbundene nationale Demütigung, dann als Student im schlagenden Verbindungswesen,  als zeitweiliger Angehöriger der oberschlesischen Freikorpsbewegung und nicht zuletzt durch die Verherrlichung des nationalsozialistischen Pathos der Tat.

1924 wegen seines Engagements für die in Sachsen zeitweilig verbotene NSDAP zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, schloss Kolbow sein Bergbaustudium 1925 ab, heiratete 1926 und siedelte 1927 ins Siegerland über, wo er einen Posten als Bergbauingenieur bekleidete und sich intensiv für die NSDAP einsetzte. Nach der „Machtergreifung“ 1933 zog er in den westfälischen Provinziallandtag ein und ersetzte kurz darauf, im Frühjahr 1933, den aus dem Amt gedrängten, der Zentrumspartei angehörigen bisherigen Landeshauptmann. Unglücklicherweise ist diese Zeit durch das Tagebuch, das eine Lücke von 1923 bis 1936 aufweist, nicht abgedeckt; in Dröges Biographie schrumpfen die zehn Jahre bis 1933 auf vier Seiten zusammen. Besser dokumentiert und analysiert ist Kolbows Laufbahn und Ideenwelt als Landeshauptmann, vor allem seit 1939. In diese Zeit fällt seine Verantwortung für die ‚Tötung lebensunwerten Lebens’ in Westfalen, die er im Sinne des nationalsozialistischen, rassistisch-sozialdarwinistischen Volksgemeinschaftsdenkens rechtfertigte. Wie Dröges Darstellung deutlich macht, war letzteres jedoch im Fall Kolbow stets geprägt durch konservative , sozialromantische Unterströme, wie sie keineswegs nur im Nationalsozialismus präsent waren, sondern auch etwa in die Widerstandskreise des 20. Juli hinreichten. Wie viele, auch dem Nationalsozialismus fernstehende Zeitgenossen glorifizierte und mystifizierte Kolbow die Kameradschaftserfahrung des Ersten Weltkrieges (die er selbst eher prekär erfahren hatte) als Nukleus nationaler Harmonie. Deren Bindeelemente waren in Kolbows Sicht allerdings weniger Rassismus und Gewalt als vielmehr die Wandervogelromantik Gleichgesinnter, paternalistisch und patriarchalisch begründete Führerschaft, und die Organologie der kleinen lokalen Gemeinschaft. Aus diesem organologischen Konservatismus heraus entwickelte Kolbow Ansätze zu einer zaghaften Distanz zum NS-Regime, die ihn im August 1944, nach dem Juli-Attentat, Posten und Parteimitgliedschaft kosteten, obwohl er keinerlei engere Bindungen zu oder gar Sympathie mit den Attentätern hatte. Kolbow starb in französischer Gefangenschaft im September 1945.

Dröges Biographie gewinnt viel Überzeugungskraft daraus, dass sie die biographische Aneignung der in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so virulenten Konzepte der Männlichkeit, der Kameradschaft und der Volksgemeinschaft exemplarisch herausarbeitet. Die Biographie hätte noch mehr Momentum entwickelt, wenn sie Kolbows Aneignung dieser Konzepte konsequent konzeptualisiert hätte. Männlichkeit, Kameradschaft und Volksgemeinschaft waren keine stabilen Kategorien, sondern Gegenstand eines weitläufigen und oft kontroversen Diskurses und solchermaßen vielfältigen und divergierenden Deutungen unterworfen. Kolbows Deutung war nur eine unter vielen. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, inwieweit sie sich mit denen anderer Nationalsozialisten und denen von Nicht-Nationalsozialisten überlappten, sich von solchen unterschieden oder zu ihnen in Widerspruch standen. Dennoch: Dröges Buch ist ein wichtiger Beitrag zur NS-Täterforschung und zur Ideen- und Kulturgeschichte des Nationalsozialismus.

Zum Rezensenten:
Thomas Kühne, geb. 1958,  ist Strassler Professor of Holocaust History und Direktor des Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies, Clark University, Worcester, Massachusetts, USA.

Anmerkung:
[1] Martin Dröge (Hg.), Die Tagebücher Karl Friedrich Kolbows (1899-1945). Nationalsozialist der ersten Stunde und Landeshauptmann der Provinz Westfalen, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2009.

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