Karol Sauerland/Yvonne Pörzgen (Hg.), Das kulturelle Gedächtnis Europas im Wandel. Literatur über Shoa und Gulag, (Warschauer Studien zur Kultur- und Literaturwissenschaft, Bd. 8)

Karol Sauerland/Yvonne Pörzgen (Hg.), Das kulturelle Gedächtnis Europas im Wandel. Literatur über Shoa und Gulag, (Warschauer Studien zur Kultur- und Literaturwissenschaft, Bd. 8), Frankfurt am Main 2016, Verlag Peter Lang, 229 S., 55,57 €, ISBN 978-3-631-67458-1


Eine Form von Erinnerung, die Gulag und Shoa umfasst, ist eine Grundvoraussetzung für politische und gesellschaftliche Einigungsprozesse in Europa. So lautete die Ausgangsthese einer Tagung an der Universität Bremen im Jahre 2011, auf die der Sammelband unter der Redaktion von Karol Sauerland und Yvonne Pörzgen zurückgeht (S. 11f). Hier werden also einerseits die Vermittlung der in der osteuropäischen Literatur präsenten Auseinandersetzung mit der Shoa in andere europäische Kontexte und andererseits die Einführung der Erinnerung an den Gulag als eines der grundlegenden Traumata der Völker im ehemaligen Ostblock in den Mainstream der europäischen Erinnerung postuliert, in der die Shoa seit Jahren einen etablierten Platz einnimmt. Das System und die Erfahrung der nationalsozialistischen und der sowjetischen Lager wurden nicht ohne Grund in den Mittelpunkt des Bandes gestellt. Die Lager waren nämlich – so der Herausgeber in Anlehnung an Hannah Arendt (S. 8) – Wahrzeichen und zugleich Zentren der Vollstreckung der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Die in dem Band versammelten neun Beiträge bieten einen Überblick über literarische Berichte aus unterschiedlichen Ländern zu den NS-deutschen und sowjetischen Lagern. Sie versuchen, die Spannung zu erfassen, die sich in den Darstellungen der Lager wahrnehmen lässt: zwischen der Teilnahme und der rhetorischen Distanz des Erzählers/der Erzählerin sowie zwischen dem Bedürfnis, oder sogar der Pflicht, über das Geschehene zu berichten, und den Grenzen der Sprache bei der Beschreibung von erlebten Grausamkeiten.

Im ersten Beitrag stellt Antonia Grunenberg Hannah Arendts Analyse der totalen Herrschaft dar und wählt dabei zwei Schwerpunkte. Mit Arendt zeichnet sie zum einen Praktiken der Dehumanisierung nach, welche die Lagerinsassen in „lebende Leichname“ verwandelten (S. 18). Zum anderen beschreibt sie das Arendtsche Konzept des „Paria“, das für die Ausgrenzung der jüdischen Flüchtlinge und Überlebenden im Exil steht, das aber zugleich paradoxerweise als ein selbstgewählter Status und somit „reale Chance eines selbstbewussten Weiterlebens“ (S. 26) gilt. In Bezug auf die Erfahrung von Flüchtlingen und Minderheiten im 20. Jahrhundert formuliert die Autorin als Forschungsdesiderat die Frage, „ob es eine Art wechselseitiger Bezogenheit in der Deprivationserfahrung unter Flucht- bzw. Internierungsbedingungen im Exil und im KZ oder Gulag gibt und wie diese aussähe“ (S. 27).

Karol Sauerland untersucht in seinem Beitrag die deutsche und polnische Lagerliteratur in den ersten Nachkriegsjahren. Nach einem knappen Streifzug durch deutsche Berichte über KZs erfolgt eine eingehendere Darstellung der in Polen prominentesten literarischen Auseinandersetzungen mit der KZ-Erfahrung von Tadeusz Borowski, Zofia Kossak-Szczucka, Seweryna Szmaglewska und Zofia Nałkowska. Zu den beiden ersten bietet der Autor systematische Überlegungen zu ihrer Erzählweise und Ausdrucksmittel, bei den anderen konzentriert er sich eher auf die beschriebenen Inhalte. An diese Ausführungen schließt der Autor Überlegungen zu Gustaw Herling-Grudzińskis Bericht über seine Erfahrung der sowjetischen Lager an, dessen Schreibstil er kurz mit demjenigen von Borowski vergleicht.

Den „Muselmännern“ widmet sich der darauf folgende Beitrag von Inge Kleemann. In der Lagersprache bezeichnete man mit diesem Wort diejenigen Häftlinge, die sich im Zustand der äußersten körperlichen und psychischen Erschöpfung befanden, so dass die meisten von ihnen kurz vor dem Tod standen. Die Autorin analysiert die Geschichte des Wortes „Muselmann“ und dessen Funktion in der Lagersprache: Als Ausdruck von Verachtung markierte es einen Ausschluss des nicht mehr überlebensfähigen Betroffenen aus der Häftlingsgesellschaft. Selbst wenn sich diese Distanzierung von den Muselmännern auch nachträglich in den Zeugnissen der Überlebenden erkennen lässt, gehe mit ihr laut der Autorin „ein Moment der Identifikation einher, die Erinnerung daran, dass die Muselmänner in beängstigender Weise das eigene nahezu unausweichliche Schicksal verkörperten“ (S. 81). Die Überlebenden fühlen sich daher verpflichtet, ein Zeugnis über Muselmänner abzulegen; in seltenen Fällen bezeichnen sie sich selbst als solche.

Sabine Offe bietet eine detaillierte Analyse des eindrucksvollen Gedichts „Birkenau im Dezember“ von Martín López-Vega und zeichnet somit eine Wahrnehmung von Auschwitz-Birkenau durch einen spanischen Autor der dritten Nachkriegsgeneration (geb. 1975) nach. Ihre Lektüre des Gedichts ist begleitet von Exkursen und Anknüpfungen an andere poetisch-literarische Auseinandersetzungen mit KZs und der Shoa.

Monika Tokarzewska unternimmt eine vergleichende Untersuchung der Gulag-Berichte von Julius Margolin und Gustaw Herling-Grudziński und deren Ringens um eine angemessene Sprache zur Beschreibung von Grenzerfahrungen. Den hauptsächlichen literarischen Bezugsrahmen stellt für die beiden Autoren Fjodor Dostoevskij mit seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, allerdings lesen sie ihn in unterschiedlicher Weise. Für Herling-Grudziński sind die sowjetischen Lager eine Kontinuität der von Dostoevskij dargestellten Lagerwelt und in gewisser Hinsicht ein der Geschichte enthobener Ort, eine ‚andere Welt‘, wie es im Titel der polnischen Originalausgabe seines Berichts – „Inny świat“ – heißt (auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel „Welt ohne Erbarmen“ erschienen) [1]. Margolin erblickt in den Lagern durchaus einen Bestandteil unserer Welt; die Lagererfahrung Dostoevskijs aus dem zaristischen Russland sei in den sowjetischen Lagern in ihrer Brutalität weit überboten worden.

Dagmar Burkhart bietet einen Überblick über das Schaffen von Aleksandar Tišma, Sohn eines serbisch-orthodoxen Kaufmanns und einer jüdisch-ungarischen Mutter. Von seiner nächsten Familie wurde niemand deportiert oder ermordet, Tišma hat aber durch die Shoa viele Freunde verloren. Die Protagonisten seiner Texte sind Jüdinnen und Juden, die eines gewaltsamen Todes sterben, Objekte sexueller Gewalt werden oder an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Mit dem eindringlichen Realismus seiner Beschreibung der Verbrechen gegen Juden legt Tišma ein Zeugnis für Opfer der Shoa ab.

Rainer Grübel untersucht das Verhältnis zwischen Dokumentation und literarischer Fiktion in der Prosa über Shoa und Gulag. Die These von der moralischen Überlegenheit eines faktografischen Dokuments gegenüber einer fiktionalen Erzählung bestreitet er mit der Begründung, dass die Lektüre sowohl eines Dokuments als auch einer fiktionalen Erzählung über das Schicksal der Opfer die Leser/innen in gleicher Weise berühren könne. Dabei unterscheide sich die Erzählfiktion eindeutig von der einer Fälschung und zwar dadurch, dass die erstere keinen Anspruch auf die Tatsächlichkeit der dargestellten Ereignisse und Personen erhebt, so wie es eine Fälschung tut.

Die dramatischen Konsequenzen, welche die politische Verfolgung in der Sowjetunion nicht nur auf die betroffenen Personen, sondern auch ihre Angehörigen hatte, schildert Yvonne Pörzgen. Durch das repressive System wurden ganze Familien aus dem gesellschaftlichen und beruflichen Leben ausgeschlossen, aus ihrem Wohnort deportiert oder verbannt; infolgedessen zerbrachen viele familiäre Beziehungen. An den Büchern von Evgenija Ginzburg, einer ehemaligen Gulag-Gefangenen, und ihrem Sohn Vasilij Aksenov zeichnet die Autorin nach, wie sich zwei Familienmitglieder, deren Schicksal mit dem Moment der Verhaftung von Ginzburg 1937 für die kommenden Jahrzehnte besiegelt wurde, mit ihrer Geschichte auseinandersetzen.

Wolfgang Stephan Kissel unternimmt eine Darstellung der „Erzählungen aus Kolyma“ von Varlam Šalamov und hebt deren relevante Motive hervor: Auswirkungen des Hungers auf Körper und Psyche, die Figur des „dochodjaga“ (der eine Analogie zu dem „Muselmann“ in den deutschen KZs darstellt), körperliche und sexuelle Gewalt, Todesfälle und Todesarten, das knappe Überleben. Abschließend reflektiert der Autor Šalamovs Erzählweise und Ausdrucksmittel.

Der Band bietet ein breites Panorama über die literarische Aufarbeitung der Erfahrung von Shoa und Gulag, überwiegend aus der Perspektive der aus Osteuropa stammenden Autoren/innen. Damit hier aber tatsächlich die Rede vom kulturellen Gedächtnis Europas im Wandel sein kann, wäre noch zweierlei wünschenswert: zum einen eine vertiefte Darstellung der Rezeption der osteuropäischen Literatur über die genannten Themen in anderen Teilen Europas, zum anderen die Verortung dieser Literatur im Kontext anderer Kanäle, über die das Gedächtnis bzw. die Erinnerung an die Shoa und den Gulag in der Öffentlichkeit und Gesellschaft transportiert werden. Die Frage, worin der im Titel des Bandes postulierte Wandel des kulturellen Gedächtnisses Europas bestünde, bleibt weitgehend unbeantwortet. Mit der Ausnahme der Einführung knüpfen die einzelnen Beiträge an das im Titel aufgeworfene Hauptthema nur vereinzelt an.

Die Beiträge sind uneinheitlich komponiert und auch von unterschiedlicher Qualität. Die einen weisen eine für wissenschaftliche Texte übliche klare Gliederung auf, die anderen – ohne Zwischentitel und ohne eindeutige Abgrenzungen der Inhaltseinheiten – lesen sich eher wie literarische Essays; einige Beiträge entwickeln eine kohärente Argumentation, andere hingegen erscheinen wie Skizzen, die den eigentlichen analytischen Beitrag des Verfassers/der Verfasserin erst nach einer eingehenderen Herausarbeitung erkennen lassen würden. Vielleicht kann man den unterschiedlichen Schreibstil der einzelnen Autoren/innen z.T. mit ihrem jeweiligen wissenschaftlichen Herkunftskontext oder einer bestimmten Fachkultur erklären, dies bleibt jedoch den Lesern/innen verschlossen, denn – bis auf die kurzen Informationen zu den beiden Herausgebern auf dem Umschlag – fehlt leider in dem Band ein Autorenverzeichnis.

Auf jeden Fall aber leistet der Band einen Beitrag dazu, dass sich der im Titel beschworene Wandel des europäischen Gedächtnisses allmählich vollzieht, und regt zur Reflexion über die moralische Kondition des Menschen an, die ohne Shoa und Gulag nicht mehr zu denken ist.

Zur Rezensentin:
Dr. Urszula Pękala, geb. 1978, ist Wiss. Mitarbeiterin in der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz. Von 2014-2016 war sie am IEG  Koordinatorin des deutsch-polnischen Forschungsnetzwerks „Ringen um Versöhnung. Wechselwirkungen von Religion und Politik im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen 1945-2010”.

[1] Gustaw Herling, Welt ohne Erbarmen. Übersetzt aus dem Englischen von Hansjürgen Wille, nach der polnischen Originalausgabe vollständig revidiert von Nina Kozlowski, München 2001.

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