Volksgemeinschaft im Denken eines nationalsozialistischen Priesters
2026-10-08
Wie nationalsozialistische Priester über „Volk“ und „Volksgemeinschaft“ dachten, woher ihre Vorstellungen stammten, und inwieweit sie das Ende des Nationalsozialismus überdauerten, beleuchtet Lucia Scherzberg in ihrem Artikel „Exkludierende Gemeinschaft. ‚Volk‘ und ‚Volksgemeinschaft‘ im Denken nationalsozialistischer Priester“ am Beispiel des Duderstädter geistlichen Religionslehrers Richard Kleine (1891-1974). Dieser war der führende Kopf einer Gruppe von NS-Priestern. Kleine verstand historische Umbrüche wie den Ersten Weltkrieg, den Machtantritt der Nationalsozialisten oder das Zweite Vatikanische Konzil als Zeitenwenden, an denen er die Rolle der Kirche in der Gesellschaft aktiv mitgestalten wollte. Sein Verständnis von „Volk“ und „Volksgemeinschaft“ spielte dabei eine entscheidende Rolle.
Als theoretischen Rahmen zieht der Beitrag den dreifachen Volksbegriff heran, der Volk als „einfaches Volk“, als demos und als ethnos unterscheidet. Hinzu kommen Forschungen zur Volksgemeinschaft als Leistungs- und Kameradschaftsgemeinschaft, zur Unterscheidung von „Volksgenossen“ und „Gemeinschaftsfremden“ sowie das Konzept des Erlösungsantisemitismus. Vor diesem Hintergrund zeichnet Scherzberg Kleines Entwicklung nach. In den 1920er Jahren fanden sich noch Ansätze eines nicht ausschließlich ethnischen Volksbegriffs. So konnten Juden nach seinem Buch „Erlösung“ als zugehörig gelten, sofern sie sich zur Nation bekannten. Jedoch näherte er sich zunehmend dem Nationalsozialismus an. Nach 1933, besonders in den Kriegsjahren, radikalisierte er sich, da sich sein Traum von einem Staat unter katholischer Führung als unrealistisch erwies. Sein Volksbegriff wurde ethnisch und exkludierend aufgeladen, die Juden dämonisierte er im Sinne eines Erlösungsantisemitismus und die Kirche sollte „völkisch aufgegliedert“ sein. Auch die von ihm geleitete Priestergruppe verstand sich als Kameradschaft, in der Fürsorge nach innen mit Empathielosigkeit gegenüber den Ausgegrenzten einherging.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Zeit nach 1945. Kleine änderte seine Auffassungen nicht, sondern gab ihnen eine neue „Verpackung“. In der Missionswissenschaft und im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils verband er seinen ethnischen Volksbegriff mit Konzepten der Inkulturation und der Dezentralisierung der Kirche. Dabei fand er bei Theologen und Bischöfen durchaus Gehör. Scherzberg bezeichnet diese Anschlussfähigkeit als ebenso verblüffend wie beunruhigend. Seine Versuche, auf das Konzil Einfluss zu nehmen, scheiterten jedoch.
Lesen Sie mehr in dem auf theologie.geschichte veröffentlichten Artikel: https://doi.org/10.48603/tg-2026-art-2 (Paula Geraldy)