Eine neue katholisch-lehramtliche Geschlechteranthropologie?
2026-09-07
Im Anschluss an die Weltsynode 2021-2024 approbierte Papst Franziskus das Abschlussschreiben, statt ein eigenes nachsynodales Schreiben zu verfassen und signalisierte damit grundsätzliche Annahme der Beratungsergebnisse.
Ist dieses Synodendokument hinter den Erwartungen zurückgeblieben oder lässt sich darin eine erneuerte lehramtliche Geschlechteranthropologie erkennen? Zumindest von Ansätzen für letzteres geht der von Martina Bär und Julia Enxing herausgegebene Sammelband „Reziprozität statt Komplementarität? Erkundungen zur veränderten kirchlichen Rezeption der Geschlechterverhältnisse“ aus, den Alina Potempa für theologie.geschichte rezensiert hat. Entgegen Stimmen, die vor allem auf das Fehlen von Fortschritten in Bezug auf den kirchlichen Umgang mit queeren Menschen oder den Zugang von Frauen zu Weiheämtern hinweisen und eine männerzentrierte Anthropologie darin fortgeschrieben sehen, stelle der Band in den Fokus, dass dem Synodendokument nicht mehr die Denkweise einer Komplementarität der Geschlechter zugrunde liege, sondern die einer Reziprozität. Während ersteres stereotype Wesenszuschreibungen an die Geschlechter vornehme, diese als ontologisch verstehe und damit strukturelle Hierarchien festige, zeichne sich ein reziprokes Miteinander durch Gegenseitigkeit, Gleichwertigkeit und Partizipation aus. Dass auf dieses gleich siebenmal Bezug genommen wird, könne durchaus als „Vorbote“ einer neuen lehramtlichen Position gesehen werden und biete die Möglichkeit, die traditionell dominierende Sicht kritisch zu hinterfragen.
In Beiträgen aus historischer, biblischer, befreiungstheologischer, ethischer, kirchenrechtlicher und queer-feministischer Perspektive werde deutlich, inwiefern dieses Reziprozitätsprinzip keine neue Erfindung ist, sondern über Kontinuitäten zur Tradition verfüge. Aber auch welche Kritik an der Art dessen Rezeption im Abschlussdokument geübt werden kann, werde untersucht. So werde die reziproke Gleichwertigkeit etwa, neben der ausbleibenden Ableitung des Ämterzugangs für Frauen, im Synodendokument weiterhin deutlich an heterosexuelle Matrix, Ehe und Zweigeschlechtlichkeit gebunden. Der Band hingegen zeige noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten deren Ausweitung auf non-binäre Geschlechtlichkeit auf. Dass Begriffsveränderung tatsächlich auch in der Wirklichkeit spürbar wird, wird also weiterhin von der nachfolgenden Rezeption abhängig sein.
Lesen Sie mehr: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-34