Dem Schweigen zuhören: Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche
2026-10-22
Mit dem noch jungen Forschungsfeld des spirituellen und sexuellen Missbrauchs an erwachsenen Frauen befasst sich Magdalena Hürten in ihrer Dissertation „Dem Schweigen zuhören. Die Bedeutung des Konzepts der epistemic injustice für die Forschung zu Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche. Fallstudie zu Missbrauch in der Gründungsgeschichte der St. Franziskusschwestern Vierzehnheiligen“. Sie untersucht am Fallbeispiel der Gründungsgeschichte dieser Schwesterngemeinschaft und des zeitgenössischen Sprechens über dortige Missbrauchsfälle, wie Betroffene häufig durch das Vorhandensein bestimmter Vorurteile daran gehindert werden, als eigenständiges Wissenssubjekt aufzutreten und in ihren Erfahrungen nicht ernst genommen würden. Nach ihrer methodischen Einführung gibt Hürten den historischen Kontext der komplexen Gründungsgeschichte des Klosters und der Spielräume von Frauen wieder. Zusammen mit ihrer umfangreichen Quellenkritik leistet die Autorin damit laut Rezensentin Theresa Hüther einen wichtigen kirchenhistorischen Beitrag.
Hürten rekonstruiert anhand der Gründungs- und Rezeptionsgeschichte, inwieweit Vorwürfe gegen den Hieronymitenpater Peter Natili, der als Gründer der Gemeinschaft bezeichnet wird, lediglich durch Gerüchte, Andeutungen und Umschreibungen geäußerte wurden. Dies führt neben dem Verschweigen, Verharmlosen oder der Darstellung als unwahre Verleumdung dazu, dass Täter weiterhin geschützt und Taten lange nicht wahrgenommen würden.
Weiterhin beschreibe Hürten, dass der spirituelle Missbrauch an Frauen nicht beanstandet und noch nicht als eigenes Unrecht anerkannt worden sei. Andererseits betone der Anwalt eines Opfers von Natili aber bereits die ausgenutzte Machtstellung des Priesters und zeige damit durchaus schon ein Bewusstsein für spirituelle Formen von Missbrauch.
Das Buch sei ein wichtiger Beitrag für die weitere Forschung, nicht nur wegen der gelungenen Aufarbeitung der Fallstudie, sondern auch wegen der sorgfältigen Vorarbeit der Autorin. Der Forschungsstand umfasse sämtliche zu dem Thema erschienenen Beiträge und biete damit einen umfangreichen Überblick und eine gute Grundlage für weitere Forschung. Außerdem lobt die Rezensentin Hürtens methodischen Herangehensweise und begriffliche Sorgfalt. Die Autorin bleibe stets differenziert, indem sie die Sachverhalte einordne, Ereignisse und Entwicklungen kontextualisiere, mit präzisen Begriffsbestimmungen arbeite, ihre Herangehensweise transparent mache und dabei intersektional sensibel für andere Diskriminierungsformen bleibe.
Lesen Sie mehr in der auf theologie.geschichte veröffentlichten Rezension: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-45 (Paula Geraldy)