Wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung am Beispiel des Reallexikons für Antike und Christentum (RAC)

2026-09-28
Der von Maren Niehoff und Francesco Zanella herausgegebene Sammelband „Das frühe Reallexikon für Antike und Christentum (RAC) und der Nationalsozialismus“ reiht sich ein in die in den letzten 10 Jahren begonnene wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der politischen Verquickungen verschiedener wissenschaftlicher Organe im 19. und 20. Jahrhundert. Für das altertumswissenschaftliche Standardwerk RAC werden im von Timo Klär für theologie.geschichte rezensierten Band historische Hintergründe und Entstehungskontexte, Redaktion und Autor:innen der ersten Jahre sowie bestimmte Artikel beleuchtet. So waren einige Beiträger des RAC auch Mitglieder des „Eisenacher Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, womit auch eine judenfeindliche Stoßrichtung einiger Lexikonartikel einhergeht. Hingegen waren jüdische Autoren von der Mitarbeit am RAC ausgeschlossen. Zudem verdeutlichten Archivunterlagen eine ideologische, wissenschaftspolitische und wirtschaftliche Abhängigkeit des RAC vom Nationalsozialismus. Schwerwiegend sei zudem nicht nur, dass einige der RAC-Autoren auch nach 1945 ohne Änderung ihrer Haltung zum Judentum weiter in wissenschaftlichen Organen publizieren konnten, sondern auch, dass die ersten beiden, durch Denkweisen des Nationalsozialismus geprägten Bände vor ihrem Erscheinen nach dem Krieg nicht grundlegend überarbeitet wurden. Stattdessen sei antisemitisches Gedankengut in Artikeln von Redaktion und Herausgebern bis in die 1970er-Jahre akzeptiert worden. Eine umfassende Neubearbeitung des Artikels „Antisemitismus“, welche die völkisch-nationalsozialistisch und antisemitisch geprägte Fassung aus dem Jahr 1950 ersetzt, ist erst 2022 erschienen. Um wissenschaftlich seriös nutzbar zu sein, erscheinen entsprechende Aktualisierungen unbedingt notwendig. Wie der Rezensent anmerkt, sei der Band ein Beispiel dafür, wie Einordnungen der früheren Fassungen in ihren Zeithorizont solche Aktualisierungen begleiten und verhindern können, dass durch diese Praxis belastete Geschichte verdeckt wird, sondern tatsächlich Aufarbeitung erfolgt. Zudem betont er die Erschließung weiterer vorhandener Archivmaterialien zum RAC als wünschenswerte Anschlussforschung. Lesen Sie mehr: https://theologie-geschichte.de/ojs2/index.php/tg/article/view/1462/1934