Unsagbare Worte – Trauma, Poesie und die Suche nach Gott
2026-07-03
Zahlreiche Studien zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den Kirchen setzen sich mit den systemischen Bedingungen auseinander, die Missbrauch überhaupt erst ermöglichen. Sie lassen Betroffene zu Wort kommen und geben so Einblick in das System Kirche und dessen Gefährdungsräume für sexualisierte Gewalt. Weitgehend unbeachtet blieben dabei bislang die Spuren, die Traumata in der Gottesbeziehung Betroffener hinterlassen. Diesem Desiderat widmet sich das Buch „Unsagbare Worte. Trauma, Poesie und die Suche nach Gott" von Annette Buschmann und Andreas Stahl anhand der autobiografischen Gedichte Buschmanns, die selbst Betroffene sexualisierter Gewalt durch ihren Vater, einen Pastor, ist.
Rezensentin Marie-Pasquale Reuver würdigt insbesondere den Zugang über die Poesie als Form der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Die Sprache der Poesie ermögliche es, der Erfahrungswelt Betroffener an vielen Stellen gerechter zu werden, als es in Interviews oder autobiografischen Berichten oft möglich sei.
Das Buch gliedere sich dabei in drei Teile. Auf die zunächst unkommentiert präsentierten Gedichte Buschmanns folgen thematisch geordnete Auslegungen aus literaturwissenschaftlicher, psychotraumatologischer und theologischer Perspektive von Andreas Stahl, ehe dieser abschließend die Methodik und die Hintergründe der Arbeit darlegt.
Reuver hebt hervor, dass die Publikation etwas wage, was in der Forschung bisher kaum zu finden sei. Zum einen die Thematisierung der Gottesfrage angesichts von Missbrauch in der Sprache der Poesie, zum anderen einen partizipativen Forschungsansatz, in dem Zeugnisse Betroffener nicht bloß Forschungsobjekte blieben, sondern in die Entstehung der Publikation einbezogen seien. Zudem, betont Reuver, behalte Annette Buschmann durch ihre abschließenden Kommentierungen konsequent die Deutungshoheit über ihre eigenen Texte.
Kritisch merkt Reuver an, dass das primär theologische Interesse stellenweise hinter die anderen Blickwinkel zurückzutreten drohe. Ein abschließendes, die eingangs formulierten Fragestellungen bündelndes Kapitel wäre wünschenswert gewesen. Insgesamt würdigt sie den Band als sehr gewinnbringenden Bestandteil der Aufarbeitung von Missbrauch in den Kirchen, der Missbrauchsbetroffene ernst nehme und ihnen im theologischen Diskurs eine Stimme gebe.
Lesen Sie mehr in der auf theologie.geschichte veröffentlichen Rezension: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-25 (Paula Geraldy)