Vom Nationalsozialismus überzeugt? Politische Einstellungen christlicher Akteure

2026-06-07
Trotz der gut erforschten Phase der Kirchengeschichte zwischen den Jahren 1933 und 1945 bleibt gerade die Forschung zu den Motiven und persönlichen Einstellungen zeitgenössischer Akteure oft spekulativ und birgt die Gefahr der Apologetik. Umso wichtiger wird daher ein interdisziplinärer Zugang, der verschiedene Fachperspektiven verbindet. Genau hier setzt der von Marvin Becker, Helge-Fabien Hertz, Thomas Großbölting und Rainer Hering herausgegebene Sammelband „Vom Nationalsozialismus überzeugt? Politische Einstellungen christlicher Akteure in und nach der Diktatur“ an, der seine Beiträge je nach Betrachtungsgegenstand auf einer Mikro-, Meso- und Makro-Ebene anordnet. Den Auftakt macht dabei der Beitrag von Olaf Blaschke mit der Frage, wie Sozialpsychologie und Geschichtswissenschaft produktiv zusammenfinden. Laut Rezensent Andreas Henkelmann unterscheidet er verschiedene Einstellungskomponenten und warnt davor, Handlungen vorschnell mit Einstellungen gleichzusetzen, da Handeln kann auch „einstellungsdissonant“ erfolgen könne. Auf der Mikro-Ebene überzeugen die Studien zu zwei evangelischen Spitzenfunktionären. Nora Andrea Schulze zeichnet präzise nach, wie sich Hans Meiser zu den politischen Systemen seiner Zeit positionierte, da dieser trotz seiner Opposition gegen die Deutschen Christen dem NS-Regime gegenüber loyal blieb. Manfred Gailus gelangt für Otto Dibelius zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier kam ein grundsätzlicher Bruch mit dem Regime aus theologischen Gründen nicht in Frage. Auf der Meso-Ebene sticht der Beitrag von Helge-Fabien Hertz hervor, der eine indikatorbasierte Messung der Einstellungen schleswig-holsteinischer Pastoren entwickelt. Aus 122 Handlungstypen könne er einen „NS-Überzeugungsscore“ errechnen. Henkelmann würdigt die einzelnen Beiträge als überzeugend, gerade weil sie auf langjährigen Forschungen beruhen und wichtige theoretische Impulse setzen. Er kritisiert jedoch, dass die in der Einleitung betonte Einstellungsforschung in manchen Beiträgen kaum eine Rolle spielen würde. Ein einordnender Abschlussbeitrag wäre daher wünschenswert gewesen und hätte den teilweise sehr heterogenen Beiträgen Ordnung verschafft. Trotz dieser Einwände sei dem Band, so Henkelmann, wegen seiner methodischen Anregungen dennoch eine breite Rezeption zu wünschen. Lesen Sie mehr in der auf theologie.geschichte veröffentlichen Rezension: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-21  (Paula Geraldy)