Kein Lévinas der Tiere – noch nicht: Gregor Taxachers Grundriss einer neuen Tiertheologie

2026-05-15
Mit der Frage nach der Verantwortung für Tiere als Mitsubjekte des Menschen beschäftigt sich das Buch „Das Seufzen der Kreaturen. Zur theologischen Kritik der reinen Natur“ von Gregor Taxacher. Nach Rezensent Paul Petzel handelt es sich um einen hochkomplex angelegten Groß-Essay, dessen Ziel eine systematische theologische Auseinandersetzung mit dem modernen Umgang mit Tieren und der nichtmenschlichen Natur sei. Ausgangspunkt des in drei Teile gegliederten Buches ist die Kritik an einem anthropozentrischen Weltbild, das Natur und Tiere primär als für den Menschen verfügbare Objekte begreife. Taxacher greife hierfür aktuelle naturphilosophische und ökologische Theorieansätze auf und verbinde sie mit theologischen Fragestellungen. Leitbegriff des gesamten Unternehmens ist die „De-Zentrierung“: Wo der anthropos dezentriert wird, werden die Subjektivität von Tieren und sogar eine rudimentäre Subjekthaftigkeit von Pflanzen erkennbar. Allerdings führe der Prozess der Dezentralisierung zwangsläufig zur Gleichstellung von Mensch und Tier. Im zweiten Moment aber würde sich der Animal Mensch als „primus inter pares“ zeigen. Bezogen auf den Begriff der Spezies merke Taxacher an, dass die Rassismuskritik diesen auflöse, während die Speziesmuskritik die Kategorie der Spezies für ihre Kritik am ethischen Anthropozentrismus benötige. Wie Petzel hervorhebt, verbindet Taxacher diese Überlegungen mit einer grundlegenden Kritik an modernen Naturvorstellungen, die Natur entweder funktional verfügbar mache oder sie als abstraktes Gegenüber vom Menschen stilisiere. Zudem sei eine Kritik an der reinen Natur in dieser selbst bereits angelegt, wenn sogar Vögel ihre Jungen gegen natürliche Fressfeinde verteidigen und sich somit nicht dem vermeintlich determinierten Willen der Natur unterwerfen würden. Demgegenüber plädiere der Autor für ein relationales Verständnis von Schöpfung im Sinne einer „materialistischen Pneumatologie“, die die Verbundenheit aller Kreaturen betone, ohne dabei die Natur selbst zu überhöhen. Ein solcher „christlicher Animismus“ denke Gottes Gegenwart nicht außerhalb, sondern innerhalb der Schöpfung selbst. Rezensent Paul Petzel würdigt das Buch ausdrücklich. Er könne sich kaum erinnern, von einem theologischen Werk so gefesselt, inspiriert und gefordert worden zu sein. Taxacher bringe Erlösung so kontextualisiert und gehaltvoll ins Gespräch, wie es nur selten gelinge. Zugleich benennt Petzel Grenzen des gewählten Essay-Formats und vermisst die Auseinandersetzung mit Peter Singer. Sein Fazit: Das Werk dürfte sich als schwerlich zu umgehendes Referenzwerk künftiger Theologie von Natur, Ökologie und Tier erweisen. Lesen Sie mehr in der auf theologie.geschichte veröffentlichten Rezension: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-18  (Paula Geraldy)