Jüdische Menschen im Widerstand: Neue Perspektiven jenseits des Passivitätsnarrativs

2026-04-09
Lange Zeit dominierte in der deutschen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust die Vorstellung, die Jüdinnen und Juden vor allem auf eine Rolle als passive Opfer reduzierte. Der Sammelband „Jüdischer Widerstand in Europa. Grundlagen, Formen, Netzwerke“, herausgegeben von Frank-Lothar Kroll und Stephan Lehnstaedt, setzt genau hier an und rückt die Vielfalt jüdischen Handelns unter den Bedingungen von Verfolgung und Vernichtung in den Mittelpunkt. Wie Rezensentin Andrea Kirchner hervorhebt, versammelt der Band Beiträge einer Konferenz, die unterschiedliche Formen, Räume und Netzwerke jüdischen Widerstands beleuchten. Dabei werde deutlich, dass Widerstand weit mehr war als bewaffneter Aufstand. Er nahm viele verschiedene Gestalten an und war oft bewusst politisch motiviert. Er reichte dabei von Partisanentätigkeit über transnationale Flucht- und Rettungsnetzwerke bis hin zu Formen des „Überlebenswiderstands“ im Alltag oder auch religiösen Praktiken unter extremen Bedingungen. Besonders eindrücklich zeige der Band, wie unterschiedlich die Kontexte jüdischen Widerstands in Europa waren. Die Beiträge machen dabei deutlich, dass Handlungsspielräume stets von lokalen Bedingungen, sozialen Beziehungen und Machtverhältnissen geprägt waren und dabei zugleich auf die Realität doppelter Verfolgungsgeschichten aufmerksam machen, in denen jüdische Menschen neben der nationalsozialistischen Verfolgung auch antisemitischen und misogynen Ressentiments innerhalb von Widerstandsgruppen ausgesetzt waren. Ein zentrales Anliegen des Bandes ist es, das verbreitete Bild jüdischer Passivität zu korrigieren und damit die Sichtbarkeit jüdischen Widerstands zu stärken. Zugleich werde deutlich, dass die Handlungsspielräume aufgrund der systemischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie erfahrener Verfolgung äußerst begrenzt waren und sich Widerstand häufig im existenziellen Ringen ums Überleben manifestierte. Kirchner würdigt den Band als wichtigen Beitrag zur Erforschung jüdischen Widerstands, der zugleich auf bestehende Forschungslücken aufmerksam macht und zu einer differenzierteren Auseinandersetzung anrege. Lesen Sie mehr in der auf theologie.geschichte veröffentlichen Rezension: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-8