Erinnern zwischen Geschichtswissenschaft und Politik: Debatten zur Zukunft des NS-Gedenkens
2026-04-30
Wie verändert sich das öffentliche Erinnern an den Nationalsozialismus und die Shoah in einer sich wandelnden Gesellschaft? Diese Frage steht im Mittelpunkt des von Christina Morina herausgegebenen Bandes „Die Zukunft des NS-Gedenkens. Geschichte als gesellschaftliche Selbstverständigung“, der die Beiträge der dritten „Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte“ vom 27. Januar 2023 in überarbeiteter Form dokumentiert.
Der Band versammelt zwei Gespräche sowie eine Einführung und einen abschließenden Kommentar. Das erste Gespräch zwischen Ulrike Jureit und Bill Niven nimmt mit einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive den deutschen Umgang mit dem Nationalsozialismus seit 1945 in den Blick. Thematisiert werden unter anderem auch die nach wie vor bestehenden Leerstellen im öffentlichen Gedenken, die Biografiezentrierung vieler Gedenkstättenausstellungen sowie das Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. Rezensent Karsten Uhl würdigt insbesondere das erste Gespräch als lebendigen intellektuellen Austausch auf hohem Fachniveau.
Das zweite Gespräch widmet sich den politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Debatte um Erinnerungskultur, wobei das Urteil des Rezensenten hier kritischer ausfällt. Zwar beziehen beide Gesprächspartner Natan Sznaider und Ahmad Mansour deutlich Stellung, argumentierten dabei jedoch teilweise gegen selbst konstruierte Zerrbilder vermeintlicher Gegenpositionen und blieben nicht immer bei den zu Beginn formulierten Selbstpositionierungen. Die pauschale Kritik an Gedenkstätten als aufgeblasenem Geschäftsmodell hält Uhl für sachlich nicht gerechtfertigt, zumal Mansour selbst für ein entsprechendes Projekt im Rahmen seiner gGmbH staatliche Förderung erhält. Das Konzept einer „parallelen Anerkennung der Geschichte des anderen" sowie die Überlegungen zur Staatsbürgerschaft als Grundlage historischer Verantwortung findet Uhl hingegen anregend.
Als besonders weiterführend bewertet der Rezensent den abschließenden Kommentar von Stefanie Middendorf, der für eine stärkere Aufmerksamkeit auf historische Diskontinuitäten plädiert, statt Geschichte primär in Kontinuitäten zu denken. Gerade die Aufdeckung scheinbarer Widersprüche, so das Argument, eröffnet das eigentliche Potenzial historischen Lernens.
Der Rezensent hebt hervor, dass der Band die Stärken und Schwächen des Genres protokollierter Gespräche in charakteristischer Weise sichtbar macht. Zugleich müsse der Begriff der Erinnerungskultur stärker ausdifferenziert werden. Die zunehmende Popularisierung des Begriffs führe zudem zu einer emphatischen Aufladung von Gedenkveranstaltungen und der Vermittlung an historischen Orten, obwohl diese vor allem als offene und sachliche Auseinandersetzung mit Geschichte verstanden werden sollten, die auf historische Bildung abzielen. Lesen Sie mehr in der auf theologie.geschichte veröffentlichen Rezension: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-13 (Paula Geraldy)