Zwischen Gehorsam und Machtmissbrauch: Sexualisierte Gewalt gegen Ordensfrauen
2026-03-19
Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ist seit Jahren Gegenstand intensiver Aufarbeitung, doch standen dabei vor allem Kinder und Jugendliche im Fokus. Die Erfahrungen erwachsener (Ordens-)Frauen blieben dagegen weitestgehend unbeachtet. Mit ihrer Studie „Sexueller Missbrauch an Ordensfrauen im deutschsprachigen Raum. Ein unterschätztes Phänomen und seine systematischen Bedingungen“ widmet sich Barbara Haslbeck diesem bislang wenig erforschten Themenfeld und zeigt, welche Faktoren Missbrauch ermöglichen, worauf dieser sich konkret auswirkt und was Betroffenen im Umgang mit ihren Erfahrungen geholfen hat.
Wie Rezensent Pavlos Leußler hervorhebt, basiert Haslbecks Untersuchung auf einer empirisch-qualitativen Studie bei der 15 (ehemaligen) Ordensfrauen interviewt werden, die während ihres Ordenslebens sexualisierte Gewalt erlitten haben. Ziel der Arbeit ist es, die subjektiven Erfahrungen der Betroffenen sichtbar zu machen und zu analysieren, unter welchen Bedingungen Missbrauch entstehen und aufrechterhalten werden kann. Dabei zeige sich, dass Missbrauch häufig bereits sehr früh in der geistlichen Begleitung angebahnt wurde, da diese besondere Vertrauenssituation es Tätern ermöglichte, persönliche Grenzen schrittweise zu verschieben und ihre spirituelle Autorität auszunutzen.
Die Studie mache deutlich, dass der Missbrauch eng mit spezifischen Strukturen des Ordenslebens verbunden sein kann. Christliche Ideale wie Gehorsam, Hingabe und Selbstentäußerung verhindern oft lange, dass Frauen beginnen sich schützend dagegen zu wehren und begünstigen Abhängigkeitsverhältnisse. Hinzu kommen Tabuisierungen von Sexualität, fehlende Aufklärung sowie unklare Rollenverhältnisse
Für die betroffenen Frauen sind die Folgen gravierend. Neben Depressionen, Schuld- und Schamgefühlen berichten viele von körperlichen und sozialen Folgeerscheinungen. Der Missbrauch erschüttert nicht selten auch das eigene Gottesbild, da Täter ihre Autorität religiös legitimieren oder sich selbst an die Stelle Gottes setzen.
Leußler würdigt Haslbecks Studie als wichtigen Meilenstein in der Erforschung sexuellen Missbrauchs an Ordensfrauen im deutschsprachigen Raum. Zugleich weist er auch darauf hin, dass weitere Forschung notwendig ist, insbesondere zur differenzierten Analyse der unterschiedlichen Formen des Ordenslebens, zur spezifischen Rolle des spirituellen Missbrauchs und zu den systemischen Bedingungen, die Missbrauch innerhalb kirchlicher Strukturen begünstigen und fördern können.
Lesen Sie mehr in der auf theologie.geschichte veröffentlichen Rezension: https://doi.org/10.48603/tg-2026-rez-7