Martin Niemöller. Weg und Wirkung

2026-08-27
Der Band „Martin Niemöller. Weg und Wirkung in verschiedenen Handlungsfeldern“ von Michael Heymel beinhaltet mehrere Aufsätze des Niemöller-Biografen. Unter anderem reagieren diese auf aktuelle kritische Forschungsarbeiten zum Vertreter der Bekennenden Kirche, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie Präsident im Ökumenischen Rat der Kirchen. Rezensent Michael Hüttenhoff zeigt in seiner Besprechung des Bandes auf, dass Heymel darin die Haltung einer „kritischen Solidarität“ anstrebt, die sowohl einer Heroisierung und distanzlosen Verehrung Niemöllers, als auch einer überkritischen, ihn vor ein Tribunal stellenden Beurteilung entgegentritt. Dabei wahre er jedoch nicht die Mitte zwischen beiden Extremen, sondern zeige durchaus Züge der Niemöllerverehrung. Dies betreffe insbesondere Niemöllers kirchliches und politisches Handeln nach 1945, während das Schweigen der Bekennenden Kirche zur Gewalt des Nationalsozialismus wie auch antijüdische Elemente der Dahlemer Predigten 1931-1937 kritisch benannt würden. Heymel betone aber auch, dass Niemöller „den Antisemitismus Hitlers niemals verteidigt oder sich zu eigen gemacht“ und nach 1945 die Schuld gegenüber den Juden anerkannt habe sowie dessen Lernbereitschaft. Insgesamt beurteile Heymel das Verhältnis Niemöllers zum Judentum weniger kritisch als andere Forschende. So blieben sein christologischer Exklusivismus sowie die Frage, ob er sich mit dessen Auswirkungen für das christlich-jüdische Verhältnis überhaupt interessierte, im Buch offen. In Bezug auf seine Friedensarbeit führt die Annahme einer Lernbereitschaft Niemöllers teils ins Spekulative. So etwa wenn in jüngeren Aufsätzen behauptet wird, der 1984 verstorbene Niemöller hätte nach dem russischen Überfall 2022 das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung anerkannt, die Friedensbewegung zu einem selbstkritischen, situativen Pazifismus ermutigt und seinen radikalen Pazifismus abgeschwächt. Mit der Umwandlung des Niemöller-Zitats „Was würde Jesus dazu sagen?“ in „Was würde Niemöller dazu sagen?“ werde zudem eine über seine Zeit hinausreichende, auf aktuelle Kontexte übertragbare und für solche befragbare, an Jesus orientierte Autorität Niemöllers unterstellt, mit der letztlich die eigenen Positionen des Autors auf ihn projiziert und dadurch autorisiert werden. Somit rege das Buch zu Diskussionen an, vermittle aber auch Überblickswissen über Niemöller und die Forschung zu ihm.   Lesen Sie mehr: https://theologie-geschichte.de/ojs2/index.php/tg/article/view/1447/1917 (Paula Geraldy)